Gnan Vidhi - das Erwachen der Seele
Anfang 2007 lernte ich im indischen Bundesstaat Gujarat eine in der westlichen Welt fast unbekannte spirituelle Lehre kennen, die 1962 von einem Kleinunternehmer namens Ambalal Patel begründet wurde. A.M. Patel, der später liebevoll Dadabhagwan genannt wurde, hatte wenige Jahre zuvor ein spontanes Erwachen in vollkommener Selbstverwirklichung und ein umfassendes Verständnis der Entfaltung der Seele und der Befreiung von Karma erfahren.
Ohne jegliche Ambitionen als Guru seinerseits begannen Menschen, ihn als Gnani Purush oder vollendeten Weisen zu bezeichnen und suchten seine Hilfe. Als Dadabhagwan erkannte, dass die Menschen den Weg zur Selbstverwirklichung kaum erfolgreich durchlaufen konnten, suchte er nach einer Lösung, die für den heutigen Menschen praktikabel sein sollte. Er reiste zu einem Tempel der Rushabdev geweiht war und meditierte dort lange. Rushbdev war einer der großen Heiligen der Jain – Tradition der Vergangenheit. Schliesslich erhielt Dadabhagwan eine Vision, in der Rushabdev ihm erschien und sagte: „Der gleiche schrittlose Weg, der durch mich zu den Menschen kam, soll nun durch dich zu ihnen kommen.“
Von diesem Moment an hatte Dadabhagwan eine besondere spirituelle Kraft zur Verfügung, die er in einer Zeremonie einsetzte, die er Gnan Vidhi nannte. Selbst am Ende seines Lebens, als er wegen einer Lungenerkrankung kaum zwei Minuten sprechen konnte, hatte er die Fähigkeit, die Gnan Vidhi Zeremonie durchzuführen, was lautes Sprechen über 48 Minuten beinhaltet.
Er teilte Gnan Vidhi und die Unterweisung in einfache Prinzipien zur Auflösung aller karmischen Verhaftungen mit allen Menschen, die interessiert waren. Dadabhagwan lehnte es strikt ab, Geld für spirituelle Lehren zu verlangen und lebte ausschließlich von einem bescheidenen Einkommen, das durch seine Firma erwarb. Er nahm niemanden als Schüler an, weil er sagte, dass jeder Mensch die gleiche vollkommene Seele sei wie er selbst und es deshalb keine Meister und Schüler geben könne. Zahlreiche Menschen erlebten ein tiefgreifendes Erwachen ihrer wahren Natur durch die Begegnung mit Dadabhagwan und die befreiende Kraft des Gnan Vidhi.
Eine junge Medizinstudentin namens Niruma, die bis dahin keinerlei spirituelle Interessen hatte, begegnete Dadabhagwan 1968 und widmete ihr ganzes Leben seiner Lehre. Eine ebenso tiefe Hingabe entwickelte ein 17jähriger introvertierter Junge namens Deepakbhai, der 1971 Gnan Vidhi erhielt und hier seine Bestimmung im Leben fand.
Nach Dadabhagwans Tod 1988 übernahm Niruma seine Rolle und teilte Gnan Vidhi und Unterweisungen, reiste von Dorf zu Dorf, um mit den einfachen Menschen zu leben und ihnen den Weg der Befreiung aufzuzeigen. Außerdem bereitete sie Deepakbai darauf vor, diese Rolle eines Tages selbst zu übernehmen.
Deepakbhai, der in seinem Wesen sehr bescheiden und zurückhaltend ist, zögerte lange, die Verantwortung auf sich zu nehmen, Gnan Vidhi und Satsang mit anderen zu teilen. Schließlich begann er 2003, ebenfalls Gnan Vidhi zu geben. Nach Nirumas Tod 2006 ist er der heutige lebende Gnani, der die von Dadabhagwan begründete Lehre in die Welt bringt. Ebenso wie Dadabhagwan nimmt er keinerlei Autorität als Meister an und lebt ausschließlich von seinem eigenen Geld.
Meiner Beobachtung nach führt seine Präsenz bei Menschen zu einem tiefen Erkennen der eigenen Natur, und auf erfrischende Weise bleiben die weit verbreiteten Projektionen und emotionalen Abhängigkeiten aus, die so oft spirituelle Lehrer umgeben. Die Gemeinschaft der Menschen, die diesen Weg gehen, ist die harmonischste dieser Art, die ich je erlebt habe.
Ohne vollkommen zu sein, gehen diese Menschen doch mit einer derart konstanten, verlässlichen Güte miteinander um, dass dies allein sehr eindrücklich und heilsam sein kann. Offenbar sind diese Menschen wirklich von einer besonderen spirituellen Kraft erreicht worden.
Mein Eindruck von denen, die sich länger auf diesem Weg befinden, ist der, dass sie mit sehr leichtem Gepäck auf ihrer Reise durchs Leben unterwegs sind.
Die Zeremonie des Gnan Vidhi soll die subtile Wurzel der Egobildung auflösen. Dies entspricht sehr genau meiner Erfahrung und der zahlreicher Menschen, mit denen ich gesprochen habe.
Gnan Vidhi zielt nicht auf eine große Erfahrung ab; die Kräfte, die dort wirken, haben nichts mit Kundalini, mystischen Erlebnissen oder Visionen zu tun. Der Effekt kann subtil sein, doch was sehr viele Menschen hinterher erleben, ist eine neue Dimension ihrer Fähigkeit, Konflikte im Leben zu lösen. Der Ursprung der Tendenz, immer wieder neue Konflikte zu schaffen und die Seele so immer wieder zu verschleiern, ist nach Gnan Vidhi bei vielen Menschen erlebbar aufgelöst. Dies trifft auch in vielen Fällen zu, in denen jemand während der eigentlichen Zeremonie keine besondere Erfahrung hatte. Was mit der Auflösung der Wurzel der Konfliktbildung ebenso verschwindet, ist der subtile Genuss an Konflikten, an Ärger, daran, andere Menschen zu kritisieren. Eine natürliche Sensitivität stellt sich ein, in der mehr und mehr jeder Mensch als unschuldig erlebt wird. Was z. B. von Colin Tipping als radikale Vergebung bezeichnet wird, kann bei vielen Menschen nach Gnan Vidhi durch Anwendung der vermittelten Prinzipien in kurzer Zeit zu einem natürlichen Zustand werden.


Antworten aus der Lehre des Akram Vignan von Dadasri
Wer ist Dadabhagwan?
Dadasri, der mit bürgerlichem Namen A.M. Patel hieß, wurde auch oft Dadabhagwan genannt. Gleichzeitig bezeichnet das Wort „Dadabhagwan“ auch das absolute Göttliche im Menschen und in allen Lebewesen. Wenn bei Satsangs oder anderen Veranstaltungen mit Deepakhai der Gesang „Dadabhagwan Na Asseem Jai Jaikar Ho“ gesungen wird, ist damit die Verehrung des Göttlichen in uns selbst und allen Lebewesen gemeint. Dadasri gab diesbezüglich einmal folgende Antwort:
„Was du hier vor Dir siehst, ist nicht Dadabhagwan. Dieser Körper heißt A.M. Patel. Dadabhwagwan ist Gott im Inneren. Er ist in mir, in Dir und in allen Lebewesen. Wie könnte dieser Patel hier Gott sein? Auch ich verneige mich vor Dadabhagwan. In mir ist Dadabhagwan vollständig erweckt, und in Dir wird er noch erweckt werden.“
Wo im Körper ist die Seele lokalisiert?
Deepakbhai: „Die Seele inkarniert sich im gesamten Körper, außer in den Haaren und Fingernägeln. In allen Bereichen, wo Empfindungen möglich sind, ist die Seele präsent. Nur so sind Empfindungen möglich.“
Du sprichst von der Individualität der Seele. Was aber hat es mit den Erfahrungen von Einssein auf sich, die in vielen Lehren als die höchsten Erfahrungen propagiert werden?
Deepakbhai: „Das relative Bewusstsein, Chit genannt, kann gereinigt werden und sich ausdehnen, durch Meditation und andere spirituelle Praktiken. Dadurch entsteht das „Wunder des Chit“, viele mystische Erfahrungen sind möglich. Aber solche Erfahrungen sind relativer Natur. Die Seele ist individuell, denn Deine Erfahrung vom Leben ist anders als meine. Auch ein Gnani wie Ramana Maharshi hat seine eigene Erfahrung, die anders ist als Deine. Einssein besteht auf der Ebene der Qualitäten; alle Seelen besitzen die gleichen Eigenschaften, wie unendliche Glückseligkeit, unendliches Wissen etc.“
Wozu dient Pratikraman? Wenn man für Fehler Reue empfindet, kann es nicht auch dazu führen, dass man sich in Schuldgefühlen verliert?
Deepakbhai: „Die Reue in Pratikraman dient dazu, dass wir keine Freude mehr daran empfinden, andere zu verletzen. Wenn wir in Gedanken, Worten oder Taten andere Menschen verletzen, gibt es einen subtilen Genuss daran, ein Gefühl der Berechtigung. Es ist nur ein kurzer Moment notwendig, in dem wir durch Reue frei von diesem Gefühl werden. Danach nehmen wir uns vor, diesen Fehler nicht zu wiederholen. Sich in Schuldgefühlen zu verlieren würde nur zu Depressionen führen. In Pratikraman sind wir uns bewusst, dass wir als Seele rein sind, unabhängig von den Fehlern, die unser relatives Selbst begangen hat. Das relative Selbst entschuldigt sich für Fehler, und wir sehen als Seele zu.“
Wenn ich zu einem spirituellen Lehrer oder Heiler gehe, der Geld für seine Leistungen verlangt, kann mir das weiterhelfen? Sollte ich Geld bezahlen, wenn ich das Gefühl habe, ein Heiler kann mir helfen?
Deepakbhai: „Wenn Du Hilfe bekommen kannst, gehe zu einem solchen Heiler und bezahle, was er verlangt. Sei dir aber bewusst, dass dies eine relative Hilfe ist, die nichts mit Spiritualität zu tun hat. Ein solcher Heiler oder Lehrer ist ein Geschäftsmann, er mag dir helfen, aber es hat nichts mit Spiritualität, mit der Seele zu tun. In Spiritualität kann es keinen Austausch von relativen Elementen wie Geld geben; solches Wissen muss bedingungslos in reiner Liebe gegeben werden.“

Weitere Informationen finden Sie auf den Webseiten
www.dadabhagwan.org und
www.lovebliss.eu.


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